Tobias Kratzer startet mit provokanter Schumann-Inszenierung in Hamburg
Samira StriebitzTobias Kratzer startet mit provokanter Schumann-Inszenierung in Hamburg
Die Hamburgische Staatsoper präsentiert erste Produktion unter neuem Intendanten Tobias Kratzer
Mit Robert Schumanns Das Paradies und die Peri hat die Hamburgische Staatsoper ihre erste Inszenierung unter der Leitung des neuen Intendanten Tobias Kratzer vorgestellt. Das Werk verbindet ein orientalisches Märchen mit mutigen zeitgenössischen Themen. Kratzer, der die Regie selbst übernahm, feierte mit der Uraufführung des Oratoriums den Auftakt seiner Amtszeit in der Spielzeit 2025/26.
Das Oratorium begleitet Peri, ein engelhaftes Wesen, auf ihrer Suche nach einem Geschenk, das des Paradieses würdig ist. Ihre Reise führt sie durch Krieg, Pest und Momente generationenübergreifender Abrechnung. In einer eindrucksvollen Szene des dritten Akts wird die Klimakrise explizit thematisiert: Kinder spielen unter einem gigantischen, qualmenden Industrieschlot.
Kratzers Inszenierung durchbricht wiederholt die vierte Wand und zieht das Publikum direkt ins Geschehen hinein. An einer Stelle klettert die Sopranistin Vera-Lotte Boecker in der Rolle der Peri über die Zuschauerreihen und setzt sich neben einen weinenden Mann – ein symbolischer Akt, der die Tore des Paradieses öffnet. Die Produktion stellt sich auch den Themen Rassismus und kollektive Schuld: Eine schwarze Figur widersetzt sich einem weißen Kriegsherrn, wird jedoch in einer Szene aus Stage-Blood und geteilter Mitschuld getötet.
Musikalisch wurde der Abend von Omer Meir Wellber und dem Orchester geprägt, deren kraftvolle Darstellung die Solisten gelegentlich übertönte, aber dennoch mitreißend blieb. Der Chor, ebenfalls unter Kratzers Leitung, übernahm nicht nur gesanglich, sondern auch szenisch eine zentrale Rolle. Zwar blieben konkrete Inszenierungsdetails zu Themen wie Rassismus oder Klimawandel undeutlich, doch das Publikum reagierte mit einer Mischung aus Buhrufen und begeistertem Applaus – und feierte letztlich den Mut der Produktion.
Am Eröffnungswochenende stellte Kratzer zudem seine weitere Vision vor, darunter neue Musiktheaterabende. Premierenfeier hatte auch Monsters Paradies, eine operngroteske Produktion, die für Februar geplant ist.
Kratzers Debüt setzt einen provokanten Ton für seine Amtszeit an der Hamburgischen Staatsoper. Indem er Schumanns Oratorium aus dem 19. Jahrhundert mit drängenden modernen Fragen verknüpft, fordert die Inszenierung das Publikum auf, sich direkt mit den Themen auseinanderzusetzen. Die gespaltene, aber letztlich triumphale Resonanz deutet darauf hin, dass die Spielzeit alles andere als konventionell werden wird.






